Vorwort

Erwiesenermaßen ist das Christentum die in der heutigen Welt meistverfolgte Religion, auch wenn vielen Menschen das nicht bewusst sein mag. Seit vielen Jahren setzt sich KIRCHE IN NOT mit seinen Niederlassungen in zahlreichen Ländern dafür ein, dass die Stimme dieser stimmlosen Christen gehört wird. Gleichermaßen wichtig sind die Initiativen von KIRCHE IN NOT, die zum Gebet und zur Unterstützung von notleidenden Christen in der ganzen Welt aufrufen.

Ich kenne KIRCHE IN NOT nun seit mehr als zwei Jahrzehnten und habe die gute Arbeit der Päpstlichen Stiftung mit eigenen Augen gesehen. Darum ist es mir eine Ehre, das Vorwort zur aktuellen Ausgabe 2017-2019 von Verfolgt und vergessen? zu schreiben.

Die Verfolgung einer Religion kann viele Formen annehmen. Sei es in Form der direkten brutalen Angriffe des sogenannten Islamischen Staats im Irak und in Syrien gegen Christen und Jesiden. Sei es in subtilerer Form wie durch Diskriminierung, Drohungen, Erpressung, Entführung und erzwungene Konversion, Verweigerung von Rechten oder Einschränkung der Freiheit.

In der Islamischen Republik Pakistan, wo Christen innerhalb der mehr als 200 Millionen Menschen zählenden Bevölkerung eine kleine Minderheit bilden, haben wir über die Jahre hinweg all dies beobachtet. In schwierigen Zeiten haben wir aus der Ermutigung und Unterstützung durch KIRCHE IN NOT auch Kraft schöpfen können.

Zweifelsohne gewährt uns die Verfassung unseres Landes die Freiheit, unsere Religion auszuüben. Es gibt viele Kirchen und christliche Schulen, Krankenhäuser und wohltätige Einrichtungen in Pakistan, die allen Menschen ohne Unterschied helfen. Doch obgleich die Kirche über ihre vielen Einrichtungen eine wichtige Rolle bei der Entwicklung des Landes spielt, gibt es in unserer Gesellschaft nach wie vor tief verwurzelte Vorurteile und negative Vorstellungen gegenüber Nichtmuslimen. Diese können durch Hass schürende Elemente leicht an die Oberfläche gebracht werden, oder wenn Geistliche die Lautsprecher einer Moschee missbrauchen, um Hass zu entfachen.

So geschah es 1997, dass ein Mob, angetrieben von einem Gerücht, der Heilige Koran wäre von einem Christen entweiht worden, angestiftet wurde, das überwiegend von Christen bewohnte Dorf Shantinagar (Dorf des Friedens) anzugreifen. Glücklicherweise konnten die Christen fliehen und so ihr Leben retten, mussten aber ihre Kirchen und Häuser der Zerstörung durch den Mob überlassen.

In den vergangenen Jahren ist eine zunehmende Intoleranz in der Gesellschaft festzustellen, verstärkt durch das Wachstum militanter und extremistischer Gruppen wie den Taliban und anderen, mit Al Kaida und dem sogenannten Islamischen Staat verbundenen Gruppierungen. 2001 erlebten wir den traumatischen Vorfall, dass zwei junge Extremisten mit automatischen Schusswaffen in eine Kirche in der Stadt Bahawalpur stürmten. 15 Gläubige wurden getötet, und es gab Dutzende Verletzte. Dies war der erste Angriff auf eine Kirche. Die Regierung und die Mehrheit der Bevölkerung verurteilten diesen brutalen Überfall. Unsere muslimischen Brüder zeigten tiefe Trauer und Mitgefühl. Aber weitere Anschläge folgten, sogar auf die Moscheen einiger muslimischer Sondergruppen.

Der bis heute schlimmste Anschlag war der eines Selbstmordattentäters im Jahr 2013 auf die Besucher des Sonntagsgottesdienstes, als die Menschen die Allerheiligenkirche in Peschawar verließen. Ungefähr 150 Kirchgänger wurden getötet, und die doppelte Anzahl Menschen wurde verletzt.

Seitdem hat es fast ein Dutzend weitere Attentate gegeben – glücklicherweise mit weniger Todesopfern – dank der Bewachung durch bewaffnete Polizisten, die von unserer Regierung bereitgestellt werden. Die Regierung gewährleistet den Schutz durch bewaffnete Polizisten, wann immer wir für unsere Gottesdienste oder Kirchenversammlungen darum bitten. Allerdings ist es schwierig geworden, militante Gruppen zu kontrollieren. Wir befinden uns daher in einem Zustand ständiger Anspannung und haben stets den Gedanken im Hinterkopf, dass es irgendwo zu irgendeinem Zeitpunkt den nächsten Anschlag geben wird – wo oder wann weiß niemand.

Ja, wir haben die Freiheit zu glauben und unseren Glauben zu praktizieren, aber wir müssen bereit sein, uns dem Zorn jener Elemente in unserem Land zu stellen, die eine andere Denkweise haben. Die Worte Jesu an seine Jünger sollen uns daran erinnern, was die, die ihm nachfolgen, erwartet: „Wenn sie mich verfolgt haben, werden sie auch euch verfolgen“ (Johannes 15,20).

Wir vereinen unser Leid mit dem Leid jener, die mehr leiden als wir, und wir finden Inspiration in den Worten des Apostels Paulus: „Von allen Seiten werden wir in die Enge getrieben und finden doch noch Raum; wir wissen weder aus noch ein und verzweifeln dennoch nicht; wir werden gehetzt und sind doch nicht verlassen; wir werden niedergestreckt und doch nicht vernichtet. Immer tragen wir das Todesleiden Jesu an unserem Leib, damit auch das Leben Jesu an unserem Leib sichtbar wird“ (2 Kor 4,8-10).

+ Joseph Kardinal Coutts,
Erzbischof von Karatschi

Die wichtigste Ereignisse

Ein Bericht über Christen, die ihres Glaubens wegen unterdrückt werden, 2017-2019